Kleine Leute - grosse Sprünge
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Wieso Trotzanfälle wichtig für Kinder sind und wie Eltern damit umgehen können…

by UWE CYRIAX  07.März 2011

  • Es schüttet in Strömen. Katharina will unbedingt die Sandalen anziehen. Mama sagt nein – Katharina schmeißt sich auf die Erde und brüllt wie am Spieß.
  • Robert sieht im Supermarkt die bunten Kaugummis an der Kasse und verlangt lautstark: „Papa kaufen!“ Das „Nein“ löst einen Tobsuchtsanfall aus und veranlasst Papa dazu, das Geschäft fluchtartig zu verlassen.
  • „Nein!“, „Ich will!“, „Alleine!“, „Haben will!“– kleine Persönlichkeiten entwickeln schon bald eine beachtliche Portion Eigensinn.


Die Trotzphasen unserer Lieblinge stellen Eltern vor eine große Herausforderung! Geduld ist angesagt. Und Konsequenz. Gleichzeitig sind wir liebevoll, verständig und achten die kleinen Persönlichkeiten. Dieser Spagat ist für Eltern im Alltag nicht leicht. Damit Sie es trotzdem schaffen, verraten wir Ihnen gerne ein paar Kniffe.

Zunächst sollten wir den Hintergrund ein wenig verstehen. Was passiert gerade?
Mit ca. 18 Monaten beginnt die erste (von vielen) Trotzphasen bei Kleinkindern. In dieser Phase stehen Kinder zwischen Trennungsangst und Abenteuergeist. Sie wollen zwar alles alleine machen, aber sobald Mama oder Papa weg sind, bekommen sie Angst. Diese innere
Anspannung führt zu heftigen und spontanen Gefühlsausbrüchen.
Wenn Kleinkinder ihren eigenen Willen entdecken, stoßen Sie auch an Grenzen, weil etwas nicht klappt oder weil sie etwas nicht dürfen. Das ist eine wichtige Erfahrung – aber eine harte Schule. Diese komplexen Frustgefühle führen dann gerne zu heftigen Wutanfällen mit Schreien, Toben, Weinen und auch mal wegschubsen und/oder beschimpfen der Eltern.

So gehen Sie leichter damit um:

  • Dieser Frust richtet sich NICHT gegen Sie, die Eltern.
  • Trotzphasen lassen sich nicht vermeiden – sie gehören (leider) zu den normalen und notwendigen Entwicklungsphasen.
  • Ihr Kind will Sie in seiner Trotzphase nicht ärgern! Es ist nur enttäuscht und sauer, dass es nicht so klappt, wie es sich das in den Kopf gesetzt hat.
  • Auch wenn es schwer fällt: Eltern dürfen ihr Baby nicht vor Frust schützen und ihm alles geben was es will. Die Erfahrung des “Nicht dürfen” ist sehr wichtig für das spätere Leben.
  • Schwer zu glauben aber vielleicht ein kleiner Trost: Kinder haben Wutausbrüche nur, wenn sie sich in einer Umgebung sicher fühlen. Wenn Eltern „Zielpersonen“ dieser Ausbrüche werden, dann haben Sie ein normales, selbstbewusstes Kind, bei dem die Eltern-Kind-Bindung stimmt.


Praktische Tipps:
Wie vermeide ich Trotzanfälle?

  • Lenken Sie das Kind vom (verbotenen) Objekt der Begierde ab, z.B. mit einem Spielzeug.
  • Setzen Sie nur wenige Grenzen, die sie konsequent einhalten und lassen Sie möglichst viel Freiraum. Bieten Sie sooft wie möglich Alternativen. Wenige (aber konsequente) „Neins“ wirken besser!
  • Pizza, Spaghetti, Hähnchen oder doch lieber Pommes zum Mittag essen? Zu viele Möglichkeiten überfordern Zwei- bis Dreijährige!
  • Fördern Sie Selbstständigkeit. Kleine Aufgaben im Haushalt übernehmen die Kleinen sehr gerne. Es macht sie stolz und sie sind beschäftigt!
  • Lassen Sie Ihr Kind ruhig mal etwas ausprobieren. Es wird schon merken, dass man in Papas Schuhen nicht gut spazieren gehen kann. Kinder LERNEN DURCH ERFAHRUNGEN!
  • Geben Sie Ihrem Kind Zeit, wenn es sich auf neue Situationen einstellen muss. Als Beispiel: Sarah spielt in ihrem Zimmer mit Puppen. Die Mama sagt ihr 10 Minuten vorher Bescheid, dass es gleich Essen geben wird. 5 Minuten vorher sagt sie ihr noch mal Bescheid. Als es so weit ist und das Essen auf dem Tisch steht, unterbricht Sarah ihr Spiel zwar nicht gern, fügt sich aber, weil die Mutter sehr klare Ansagen gemacht hat.
  • Sie kennen Ihr Kind am besten. Sie können daher gut einschätzen, wie man knifflige Situationen vermeidet. Manchmal kann ein Trotzanfall leicht umschifft werden.
  • Ich bin groß und das Kind ist klein! Vermeiden Sie Machtkämpfe, auch wenn der Trotz des Kindes oft den eigenen Trotz herausfordert. Geht es bei den Streitereien immer noch um die Sache oder darum, Ihren eigenen Willen durchzusetzen? Ist das Verbot / die Regel wirklich sinnvoll? Warum ist Nachgeben gegenüber dem eigenen Kind so schwer? Verlieren Sie tatsächlich an Autorität, wenn Sie in manchen Dingen nachgeben?


Was mache ich, wenn mein Kind einen Trotzanfall hat?

  • Überlegen Sie, was diesen Anfall ausgelöst hat. Bei Frust, wenn es etwas nicht bekommt, dann können Sie versuchen, es mit etwas anderem abzulenken.
  • Für Frust darüber, dass etwas nicht funktioniert (der Kleber klebt überall, aber nicht auf dem Papier; der Kasten will einfach nicht ins runde Loch….) bringen Sie Ihrem Kind Wörter bei, mit dem es Gefühle auszudrücken kann („ich bin jetzt richtig wütend, traurig, stinksauer, …“).
  • Erlauben Sie verschiedene Reaktionen wie z.B. das feste Aufstampfen mit dem Fuß, das Trommeln auf ein Kissen oder ein lautes Schreien.
  • Wenn ein Kind einen “Trotzanfall” hat, ist es meist nicht mehr ansprechbar. Sie können dann nur versuchen, gelassen zu bleiben (z.B. ruhig ein Stück weg gehen, wenn es die Situation erlaubt) und abwarten, bis das Kind sich wieder etwas beruhigt hat. Strafen oder anschreien macht die Situation nur noch schlimmer.
  • Überprüfen Sie kurz, ob das Verbot, die gezogene Grenze wirklich sinnvoll ist oder es nur um einen „Machtkampf“ geht. Sie dürfen auch mal nachgeben, wenn es sinnvoll ist. Bei Gefahren gibt es allerdings keine Diskussionen – durch diesen Trotzanfall müssen Sie dann beide durch!


Wie vertragen wir uns wieder?

In der Regel ist das Kind über seine Gefühle und seine Wut genauso erschrocken wie die Eltern. Nachdem es sich beruhigt hat, ist es meist anschmiegsam. Jetzt braucht es viel Nähe und Ruhe. Dies ist gar nicht so leicht, weil man selber noch total aufgeladen und voller Adrenalin ist.
Wenn schon genügend Abstand vorhanden ist (auch beim Kind!) können Sie noch mal über die Situation sprechen. Sie können ihr eigenes Verhalten, vor allem, wenn es unbeherrscht war, erklären. Wenn es ungerecht war oder Sie überreagiert und/oder Ihr Kind beschimpft haben, ist jetzt die Zeit gekommen, sich zu entschuldigen.

Das Kind braucht gerade jetzt das Gefühl, angenommen und geliebt zu werden. Nehmen Sie sich die Zeit und seien Sie nicht nachtragend. Eine dicke Umarmung tut beiden in dieser Situation richtig gut!